02.05.2017

Faire Wärme in Berlin: So funktioniert die Energiewende beim Wohnen

Ein Wohnblock im Märkischen Viertel im Norden Berlins nach energetischer Sanierung. Foto: Büro Verlinden

Energiesparendes Wohnen nach der Sanierung im Märkischen Viertel im Norden Berlins. Foto: Büro Verlinden

Zu Besuch im Märkischen Viertel

Nebenkosten so hoch wie die Kaltmiete, bröckelnde Substanz, Bäder und Fenster aus den 60er Jahren und ein völlig ineffizientes Heizsystem: So sah der Bestand im Märkischen Viertel im Norden von Berlin Anfang der 2000er Jahre aus. Die GESOBAU AG, Wohnungsbaugesellschaft im Besitz des Landes Berlin und Besitzerin von rund 15.000 Wohnungen im Märkischen Viertel, stand vor der großen Frage, was mit den maroden und energetisch miserablen Bauten geschehen soll.

Jochen Kellermann, Julia Verlinden, Georg Kössler und Irina Herz bei der Besichtigung des Märkischen Viertels

Sanierung statt Abriss

Jochen Kellermann von der technischen Abteilung der GESOBAU erzählt, dass einige Stimmen zum Abriss rieten. Doch die GESOBAU entschied sich für die grundlegende Sanierung von insgesamt 13.000 Wohnungen – eine riesige Herausforderung. Nach zwei Jahren der Vorbereitung startete das Sanierungsprojekt, bei dem alles von Aufgängen über Technik, Leitungen und Bädern bis zur Gebäudehülle komplett erneuert und auf den Stand der Technik gebracht wurde.

Besonders wichtig war der Wohnungsgesellschaft, die Mieterinnen und Mieter von Anfang an ins Boot zu holen, wie Irina Herz betont, bei der GESOBAU für Vermietungsfragen zuständig und Ansprechpartnerin für die Sorgen und Nöte der Bewohner. Dafür gab es viele Versammlungen und Gespräche mit jedem und jeder Einzelnen.

Soziale Anforderungen und Klimaschutz

Mindestens genauso wichtig war die Kostenfrage, schließlich ist ein großer Teil der Wohnungen an einen Wohnberechtigungsschein gebunden. „Wir haben es geschafft, die Modernisierung des Bestandes fast warmmietenneutral zu gestalten. Im Durchschnitt haben sich die Kosten für die Mieter nur um 2,4% erhöht“, sagt Frau Herz. Angesichts der großen Komfortgewinne sei diese geringe Steigerung gut vertretbar.

Auch die Energieversorgung des Quartiers wurde umgestellt. Da sich der Wärmeenergiebedarf mit der Sanierung etwa halbierte, musste sich auch der Zulieferer der Fernwärme rechtzeitig auf die veränderte Nachfrage einstellen. Das Heizkraftwerk wurde aus diesem Anlass modernisiert, in der Leistung angepasst und auf Holzhackschnitzelbefeuerung aus regionaler Produktion umgestellt. So entsteht eine klimaneutrale Wärmeversorgung für das Quartier.

Vorbildliche Ressourcenschonung am Arnimplatz

Innenhof des Passivhauses am Arnimplatz in Berlin

Was dabei herauskommen kann, wenn Investoren nicht nur die Rendite, sondern ebenso Nachhaltigkeit und Zufriedenheit der Bewohner im Auge haben, zeigt ein Mietshausneubau am Arnimplatz in Prenzlauer Berg. Das Passivhaus mit 41 Wohnungen und 4 Gewerbeeinheiten und einem großzügigen Gemeinschaftsgarten wird von einem Gas-BHKW im Keller und 92 Photovoltaikmodulen auf dem Dach mit Strom und Wärme versorgt. Eine Heizungsanlage ist in einem Passivhaus eigentlich nicht nötig. Doch der Bauherr entschied sich für den Einbau, um sicherzugehen, dass alle Mieterinnen und Mieter ihre Wunschtemperatur auch jenseits des Passivhausniveaus einstellen können.

Architekt Uwe Heinhaus hat das Projekt umgesetzt und gute Erfahrungen sowohl beim Bau als auch im Betrieb des Gebäudes gesammelt. Die Bewohner fühlen sich wohl, Fluktuation gibt es kaum. Ein wenig enttäuscht ist er, dass das gute Vorbild so wenig Nachahmung findet. „Es gibt einfach zu wenig Nachfrage nach ökologischer Bauweise und Energiespartechnik“, sagt er bei der Führung durch das Objekt. Dabei ist das Ganze durchaus kostengünstig zu haben.

 

Georg Kössler, Uwe Heinhaus, Erwin Nolde und Julia Verlinden im Technikkeller im Passivhaus am Arnimplatz

Mit Wasser-Recycling Geld und Energie sparen

Doch nicht nur bei Energieerzeugung und Verbrauch ist das Haus vorbildlich. Auch bei Recycling setzt es neue Maßstäbe. Der Ingenieur Erwin Nolde hat eine seiner selbst entwickelten Brauchwasser-Recycling-Anlagen in den Keller gesetzt. So kann wertvolle Wärme aus dem Dusch- und Badewasser zurückgewonnen werden, die andernfalls ungenutzt im Kanal verschwinden würde. Das aufbereitete Wasser wird anschließend zur Toilettenspülung verwendet.

5.000 Euro an Wasserkosten spart allein das Wasserrecycling pro Jahr ein. Aus Noldes Sicht könnte diese relativ einfache und zuverlässige Technik viel breiter eingesetzt werden. Dafür braucht es nach seiner Ansicht aber entsprechende Vorgaben aus der Politik – eine gute Anregung für den Aktionsplan Faire Wärme der grünen Bundestagsfraktion.

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